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Kunstleder oder Naturleder?

Kunstleder oder Naturleder: Was ist besser?

Der Herbst naht und damit geht oft der Kauf von neuen Schuhen oder einer neuen Lederjacke einher. Ist dabei Natur- oder Kunstleder die ökologischere Wahl? Ist Echtleder nur ein Abfallprodukt der Fleischindustrie? Oder erhöht der Konsum von Lederprodukten die Nachfrage nach toten Tieren? Und wie sieht die Umweltbilanz des Materials aus? Hier gibt es eine klare, konkrete und kurze Antwort auf diese Fragen.


Dieser Beitrag erscheint in der Reihe „Was denn nun?“ im Nachhaltigkeitsblog von Tina Teucher. Sie hinterfragt Alltagsthemen und Nachhaltigkeitsentscheidungen, untersucht unterschiedliche Quellen und Erkenntnisse zum jeweiligen Thema und gibt Tipps für die Entscheidungsfindung.

Ist Leder ein langlebiges Naturmaterial oder umweltschädigende Tierquälerei?

Eine weit verbreitete Meinung ist, dass Leder lediglich ein „Nebenprodukt“ der Fleischindustrie ist, also quasi ein aufbereiteter Abfallstoff, der bei der Lebensmittelherstellung sowieso anfalle. Dieser Gedanke erscheint zunächst auch sinnvoll, entspricht nur leider nicht der Realität.

Tatsächlich sind Tierhäute „das wirtschaftlich bedeutendste Nebenprodukt der Fleischindustrie“. Das heißt, dass der Umsatz der Schlachthöfe direkt mit dem Gewinn aus dem Lederverkauf zusammenhängt. Eine gesenkte Nachfrage nach Lederprodukten würde somit ebenfalls ein geringeres Angebot an Fleischprodukten nach sich ziehen und andersherum. Nach Angaben der Umweltorganisation PETA schlachtet die Lederindustrie weltweit mehr als eine Milliarde Tiere pro Jahr und macht damit einen Umsatz von 80 Milliarden US-Dollar.

Kunstleder und Canvas: 100 Jahre vegane Schuhe

Dennoch fängt die Industrie an, umzudenken. Was Chuck Taylor mit dem lederfreien Klassiker-Schuh Converse Allstar schon seit 1917 gelingt – ein durchschlagender Markterfolg mit einem Produkt abseits der Norm – versuchen auch immer mehr Start-Ups heute. Das Schuhportal avesu listet knapp 60 verschiedene Marken, die vegane Latschen produzieren. In Online-Shops, die nachhaltige Mode verkaufen, kann man oftmals die Option „vegan“ einstellen, wodurch die Seite nur Ergebnisse ausgibt, die ohne Tierprodukte und damit auch ohne Leder hergestellt sind.

Das britische Start-Up Ananas Anam beispielsweise stellt Kunstleder auf der Basis von Fasern aus Ananasblättern her. Moderiesen wie Puma haben erste Testmodelle aus dem Ananasleder produziert und das Label war sogar schon Gast auf der Berliner Fashion Week.

Auch außerhalb der Modebranche ist der Trend zum tierleidfreien Material angekommen: Der Hersteller für Elektroautos Tesla ist den Forderungen einer PETA-Petition nachgegangen und liefert keine Innenausstattung aus Tierhäuten mehr. Ein wirkungsvoller Schritt, wenn man bedenkt, dass es die Haut von fast einem Dutzend Kühen braucht, bis ein großes Auto komplett ausgeschlagen ist.

Pro und Contra von Lederschuhen

Aber warum wollte uns Mutti dann keine Kunstlederschuhe kaufen? Jahrelang wurden uns die Schuhmodelle aus Fake-Leder vehement ausgeredet. Immer bekamen wir Aussagen wie diese zu hören: „Die halten doch nicht“ oder „Darin schwitzt du wie verrückt“. Jetzt, da wir selbst entscheiden können, womit wir unsere Füße schmücken, greifen wir oft automatisch zu Kunstleder-Alternativen, da sie mit unserer tierfreundlichen und nachhaltigen Lebensweise (vermeintlich) zu vereinbaren sind… Aber hatte Mama nicht doch meistens Recht?

Leder hat – ähnlich wie Fleisch – keine gute Ökobilanz: Die Tierhaltung beansprucht eine Vielzahl wertvoller Flächen und stößt eine große Menge an CO2 aus. Auch der Verbrauch an Wasser und Energie ist sowohl bei der Haltung der Tiere als auch bei der Verarbeitung des Leders enorm: Etwa 500 Liter Wasser braucht allein das Gerben von einem Quadratmeter Leder. Die Fleischindustrie ist weltweit für etwa 14,5 Prozent aller jährlich vom Menschen verursachten Klimagase verantwortlich – mehr als zwei Drittel davon stammen von Rindern.

Argumente, die für den Kauf von Lederprodukten sprechen, sind beispielsweise die höhere Lebenszeit bei regelmäßiger Pflege, die atmungsaktiven und wärmeisolierenden Eigenschaften oder die Robustheit und Wasserdichte. Wer einen Schuh oder eine Handtasche also tatsächlich jahrzehntelang trägt, kurbelt die Neuproduktion von Lederwaren mit seinem individuellen Konsum nicht weiter an. So ist es möglich, dass sich der höhere CO2-Ausstoß, der bei der Produktion von Echtleder anfällt, im Lauf der Zeit ausgleicht und die Investition in einen guten Bio-Lederschuh durchaus eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Entscheidung sein kann, da die Gerbung von Bio-Leder rein pflanzlich erfolgt und somit die Umwelt ­­ – anders als die Verarbeitung durch Chemikalien – nicht belastet.

Leder-Gerbung: gesundheitsschädlich und umweltbelastend

Spielt man aber nach den Regeln der Fast Fashion, muss jedes Jahr mindestens ein neues Paar Lederstiefel her – eine hohe Umweltbelastung entsteht. Der Gerbungsprozess macht rohe Tierhäute haltbar und wandelt sie in Leder um. Bei industrieller Gerbung finden dabei eine Vielzahl umweltschädigender Substanzen Anwendung, darunter Formaldehyd oder Mineralsalze ebenso wie cyanidhaltige Färbemittel und Oberflächenbehandlungsmittel.

Die chemische Behandlung hat einen verheerenden Einfluss auf die Gesundheit von Menschen. Das Center for Disease Control and Prevention in den USA fand heraus, dass die Leukämierate unter Anwohnern einer Gerberei in Kentucky fünfmal so hoch ist, wie im Landesdurchschnitt. Auslöser ist die extrem erhöhte Blei-, Cyanid- und Formaldehydkonzentration in der Umgebung durch lederverarbeitende Betriebe. In Ländern wie Bangladesch arbeiten Menschen – häufig auch Kinder – unter enorm schlechten Bedingungen in Lederfabriken. Auch die Entsorgung der Abfallstoffe ist meist nicht reguliert: Giftiges Abwasser gelangt ungeklärt in Flüsse und verseucht vor Ort das Grundwasser und zerstört ganze Ökosysteme.

Leder ist besser? Diese heilige Kuh müssen wir wohl schlachten

Weiterhin darf nicht vergessen werden, aus welchem Rohmaterial Leder besteht. Indien ist einer der größten Lederproduzenten und -exporteure der Welt. Eigentlich ist die Kuh ein heiliges Tier für die Hindus und in den meisten indischen Bundesstaaten ist es verboten, Kühe und Rinder zu schlachten. Doch in den Teilen des Landes, in denen die Schlachtung erlaubt ist, werden die Tiere wie Objekte behandelt. Die Höllenqualen, die die Rinder beim Laufen von 150 Kilometern über heiße Straßen, beim beengten Transport auf den LKWs und im Schlachthof erleben müssen, sind für die meisten unvorstellbar. Hier sind Aufnahmen der indischen Lederindustrie zu sehen (Achtung: Nichts für schwache Gemüter!).

Wichtig! Selbst wenn auf einem hochwertigen Lederprodukt beispielsweise „Made in Italy“ steht, gibt das noch keine Aussage darüber, wo das Ausgangsmaterial erzeugt und gegerbt wurde!

Vegane Leder-Alternativen nicht automatisch ökologischer

Doch Vorsicht mit voreiligen Schlüssen! Bei der Produktion von lederfreien Schuhen sind keine Tiere ums Leben gekommen, klar. Doch der Vegan-Stempel auf einem Artikel sagt nichts aus über die Herkunft der alternativen Rohstoffe und wie sie verarbeitet wurden. Lars Wittenbrink, Chefredakteur des Blogs Grüne Mode, meint dazu: „Ein veganer Schuh garantiert natürlich die Achtung der Tierrechte. Aber wenn in diesem Schuh erdölbasiertes Kunstleder und vielleicht sogar giftige Chemikalien stecken, macht das ökologisch eher keinen Sinn. Dann ist ein hochwertiger und länger haltbarer Öko-Lederschuh besser“.

Was an Bio-Leder besser ist

Also vielleicht doch Leder aus tier- und umweltfreundlicher Produktion? Immerhin kann der Gerbungsprozess mithilfe von pflanzlichen Stoffen wie Eichen- oder Fichtenrinde chemikalienfrei gestaltet werden und so „Bio-Leder“ produziert werden. „Naturleder IVN zertifiziert“ ist das derzeit einzige Öko-Label für nachhaltige Lederprodukte. Das Zertifizierungsunternehmen untersucht die ganze Produktionskette, gesundheitsgefährdende, umweltschädliche oder nicht abbaubare Substanzen sind dabei verboten. Leder, welches das Label trägt, kommt ausschließlich von Tieren, die zur Fleischgewinnung gehalten werden und ist somit ein Abfallprodukt. Die Häute von wilden oder vom Aussterben bedrohten Tieren sind von der Zertifizierung ausgeschlossen.

Hier sind alle Hersteller gelistet, die den Produktionsstandards des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft e. V. entsprechen.

Fazit: Produktionsbedingungen von Leder und Lederalternativen betrachten

Und nun? Es gibt im Jahr 2022 eigentlich nur noch wenige gute Gründe, Produkte aus Leder zu kaufen – außer man plant wirklich, sie ein Leben lang zu nutzen. Das zeigt Wertschätzung und Respekt vor den Tieren, die für diese Waren ihr Leben ließen. Bereits erworbene Produkte sollte selbstverständlich so lange wie möglich getragen und erst dann durch neue – tierleidfreie – Ware eingetauscht werden. Hier darf das Label „vegan“ aber nicht als Freifahrtschein für ein nachhaltiges Produkt gelten: Es braucht weiterhin eine Betrachtung der Produktionsbedingungen.

Die mit der Herstellung und Verarbeitung von kommerziellen Echtleder einhergehenden Umweltauswirkungen und die Qualen der Tiere machen das Leder neben den vielen guten und qualitativ hochwertigen Alternativen jedoch gut ersetzbar und ethisch zumindest grundsätzlich zweifelhaft.

https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/56-rtkl-nachhaltige-mode-wie-sinnvoll-sind-vegane-schuhe

https://www.geo.de/wissen/17727-rtkl-leder-faq-was-sie-wirklich-ueber-leder-wissen-muessen

https://www.quarks.de/umwelt/so-schmutzig-ist-die-herstellung-von-leder/

http://nopr.niscair.res.in/bitstream/123456789/26498/1/JSIR%2060(6)%20443-450.pdf

https://www.petazwei.de/artikel/leder-kunstleder-nachhaltig/

https://www.thegoodtrade.com/features/vegan-leather-vs-animal-leather

https://www.theguardian.com/commentisfree/2017/nov/07/big-meat-big-dairy-carbon-emmissions-exxon-mobil

https://utopia.de/ratgeber/einkaufsratgeber-leder-echt-bio-pflanzlich-gegerbt/

https://www.suedwind-institut.de/files/Suedwind/Publikationen/2017/2017-61%20Zeigt%20her%20Eure%20Schuhe.%20Soziale%20und%20oekologische%20Auswirkungen%20von%20Gerbereien%20in%20Uttar%20Pradesh%20und%20Tamil%20Nadu%20in%20Indien.pdf

https://naturtextil.de/mitglieder/


Tina Teucher ist Moderatorin und Autorin mit dem Schwerpunkt zukunftsfähiges Wirtschaften. Sie bringt als Nachhaltigkeitsexpertin über 12 Jahre Erfahrung in Themen wie Sustainable Leadership, Unternehmensethik und grüne Innovationen in ihre Arbeit ein. Eines ihrer Ziele ist, Menschen unterschiedlicher Branchen für die Förderung der nachhaltigen Entwicklung zusammenzubringen. Darüber hinaus ist sie in der Jury des Nachhaltigkeitslabels Green Brands tätig und wirkt bei der Future Cooperative eG als Aufsichtsratsvorsitzende mit.


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