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Bioplastik oder konventionelles Plastik

Bioplastik: Nachhaltige Alternative zum konventionellen Plastik oder schlechter als sein Ruf?

Viele Unternehmen werben mittlerweile mit Produkten und Verpackungen aus Bioplastik. Doch was ist dran an der vermeintlich nachhaltigen Alternative? Sind Bio-Kunststoffe tatsächlich ökologisch vorteilhafter als konventionelle Kunststoffe? Hier gibt’s eine klare und übersichtliche Antwort auf diese Frage.


Dieser Beitrag erscheint in der Reihe „Was denn nun?“ im Blog der Nachhaltigkeitsexpertin Tina Teucher. Sie hinterfragt Alltagsthemen und Nachhaltigkeitsentscheidungen, untersucht unterschiedliche Quellen und Erkenntnisse zum jeweiligen Thema und gibt Tipps für die Lösung der Dilemmata.

Konventionelles Plastik – gut zu recyceln, schlecht für die Umwelt

Ein Leben ganz ohne Plastik? Kaum vorstellbar. Das Material begegnet uns im Alltag nahezu ständig und hat auf den ersten Blick viele Vorteile: Es ist leicht, widerstandsfähig, günstig und teils sehr gut recycelbar – benötigt bei der Herstellung also theoretisch relativ wenig neuen Rohstoff. 2019 verwerteten Müllunternehmen tatsächlich 99,4 % aller in Deutschland gesammelten Kunststoffabfälle – hierzulande oder im Ausland:

  • 46,6 % nutzten sie werk- und rohstofflich, stellten also damit neue Kunststoff-Produkte her.
  • 52,8 % verwerteten sie energetisch in Müllverbrennungsanlagen oder ersetzten fossile Brennstoffe in Kraftwerken, produzierten also durch das Verbrennen neue Energie.
  • Die restlichen 0,6 % des Plastikmülls beseitigten die Entsorgungsunternehmen – das heißt, sie deponierten oder verbrannten ihn in Anlagen ohne Auskopplung von Energie.

Deutschland ist Export-Europameister für Plastikmüll und bei Verpackungen

Die oben genannte Müllverwertung durchläuft dabei nicht immer heimische Anlagen: Deutschland exportiert jährlich etwa eine Million Tonnen Plastikabfälle nach Südostasien und Osteuropa, was ca. einem Sechstel des insgesamt in Deutschland erzeugten Plastikabfalls entspricht. Wenn das Plastik nachweislich im Ausland recycelt wird, kann man es aber in die Berechnung der deutschen Recyclingquoten integrieren. Die entsprechenden Nachweis- und Kontrollsysteme und das Recycling sind in vielen der Exportländer allerdings mangelhaft – dadurch recyceln diese Länder Teile des Mülls nicht, sondern deponieren oder verbrennen ihn.

Die ökologischen Folgen sind schwerwiegend: Die Verbrennung setzt CO2 und Schadstoffe in Luft, Umwelt und Gewässer frei. Unter dieser Verschmutzung leiden Bewohner, Tiere und Ökosysteme.

Wo kommt das Export-Plastik her?

Allerdings kommt das exportierte Plastik vor allem aus gewerblichen Abfällen und nicht aus dem gelben Sack der Haushalte: 2018 wurden 90 Prozent der Plastikmenge aus dem gelben Sack und der gelben Tonne innerhalb Deutschlands verwertet und zehn Prozent exportiert. Sieben dieser zehn Prozent gingen nach Österreich und in die Niederlande, wo es gut reguliertes Recycling gibt. Nur ca. ein Prozent der aus Deutschland nach Asien exportierten Plastikabfälle stammen aus dem gelben Sack. Und es gibt zumindest eine kleine Verbesserung: Dank verschärften Exportvorschriften der EU sind die Müllexporte mittlerweile etwas zurückgegangen.

Mehr Infos über das Recycling von Plastik und anderen Wertstoffen stellt dieser Beitrag bereit.

Die Herstellung von Plastik: Ganz schön schmutzig!

Neues Plastik benötigt fossile Rohstoffe, welche herstellende Unternehmen in sehr energie- und emissionsintensiven Verfahren gewinnen und aufbereiten. Auch bei der Verbrennung entsteht viel CO2. Hochgerechnet könnten allein die Produktion und Verbrennung von Kunststoffen bis 2050 zwischen zehn und 13 % des gesamten CO2-Budgets verbrauchen, das die Welt einhalten muss, um die Klima-Zielmarke von 1,5 ℃ zu erreichen. Wenn Plastik in der Natur landet und schließlich zu Mikroplastik zerfällt, sind die Folgen für Land- und Meeresökosysteme verheerend.

Bioplastik – die Öko-Alternative zu konventionellem Plastik?

Vorab: Es gibt keine klare, einheitliche Definition für Bio-Kunststoffe. Hinter dem Begriff können sich verschiedene Dinge verbergen:

Kunststoff, der biobasiert ist – also auf Basis von nachwachsenden organischen Rohstoffen wie etwa Zuckerrohr, Bambus oder Mais hergestellt wurde. Positiv bei dieser Art von Bioplastik: Es besteht aus Rohstoffen, die immer wieder nachwachsen. Manche davon sind biologisch abbaubar, allerdings nicht alle!

Biologisch abbaubare Kunststoffe: Kunststoffe gelten als biologisch abbaubar, wenn sie durch Mikroorganismen wie Bakterien zersetzt werden können. Eine Sonderform sind oxo-abbaubare Materialien. Sie bestehen aus begrenzt vorhandenen fossilen Energieträgern und aus Stoffen, die sich unter Lichteinfluss zersetzen. Das dabei entstehende Mikroplastik sorgt allerdings immer wieder für Kritik seitens Umweltverbänden. Teilweise benötigen biologisch abbaubare Kunststoffe Jahre, um zu verrotten und lassen sich in der Müllverwertung nur schwer recyceln. Damit sind sie weniger nachhaltig als konventionelle Kunststoffe, die zwar nicht biologisch abbaubar sind, aber gut wiederverwendbar, solange sie in den Recycling-Kreislauf zurückkehren.

Plastikprodukte, die aus Mischungen von konventionellem und Bioplastik bestehen: Diese Mischformen sind nicht biologisch abbaubar und lassen sich ebenfalls nur schwer recyceln.

Vorteile von Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen:

  • Nachwachsende Rohstoffe erneuern sich von selbst. Es ist also kein Abbau von fossilen Rohstoffen nötig.
  • Es entstehen weniger CO2-Emissionen als bei der Herstellung von konventionellem Plastik.

Nachteile von Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen:

  • Wertvolle Flächen für den Anbau von Lebensmitteln gehen verloren
  • Für den Anbau der Pflanzen kommen oft große Mengen an Düngemitteln und Pestiziden zum Einsatz, die Böden und Gewässer belasten, weil es sich meist um konventionelle nicht, um biologische Landwirtschaft handelt.
  • Beim Anbau der nachwachsenden Rohstoffe kommen zudem häufig Monokulturen zum Einsatz. Die Folge sind Biodiversitätsverlust, ein hoher Wasserverbrauch und die Verminderung der Bodenqualität.

Zwischenfazit: Wie nachhaltig ist Bioplastik gegenüber konventionellem Plastik?

Die Umweltauswirkungen sind bei Bioplastik aus nachwachsenden Rohstoffen nicht geringer als bei konventionellem Plastik, sie verschieben sich eher: Während konventionelle Kunststoffe mehr klimawirksames CO2 freisetzen, äußert sich der ökologische Fußabdruck biobasierter Kunststoffe in einer höheren Versauerung, Eutrophierung*, Bodenbelastung und einem höheren Flächenbedarf für den Anbau der Pflanzen. Es baut sich in der Landschaft oder in den Meeren oft sogar nur ähnlich langsam ab wie konventionelle Kunststoffe und wird meist nur unter Laborbedingungen in relativ kurzer Zeit wieder zu Erde – diese Laborbedingungen existieren aber eben in der Natur nicht.

*Eutrophierung: Anreicherung von Nährstoffen (v.a. Nitrat & Phosphor) in Gewässern, die Ökosysteme zerstört und Lebewesen ihre Lebensgrundlage nimmt.

Die Recyclingfähigkeit von Bioplastik hängt von der Chemie ab: Recyclingunternehmen können die Bio-Kunststoffe, die stoffgleich mit konventionellen bzw. fossilbasierten Kunststoffen sind, gemeinsam mit diesen recyceln. Biobasierte Kunststoffe mit einer anderen chemischen Struktur können Maschinen beim Sortierprozess nicht erfassen – diese wandern in die Verbrennungsanlage, ihr Lebenszyklus ist zu Ende.

Nachhaltigere Alternativen zu Bioplastik:

Papier und Kartonagen aus organischen Materialien wie Gras, Heu, Stroh oder Pilzen: Die verwendeten Ressourcen wachsen vollständig nach. Ihre Herstellung und Kompostierbarkeit spart außerdem Wasser und CO2 ein. Aber auch hier gehen Flächen für den Anbau von Lebensmitteln verloren und die Rohstoffhersteller*innen setzen möglicherweise Pestizide und Düngemittel beim Anbau ein.

Folien und Verpackungen aus Holzfasern: Müllunternehmen können das Material vollständig recyceln – allerdings ist es noch nicht wasserfest. Außerdem sollte das Holz für eine gute Öko-Bilanz aus nachhaltiger Forstwirtschaft kommen.

Wasserlösliche Verpackungen: Manche innovative Materialien lösen sich vollständig in Wasser auf. Die Herstellung benötigt allerdings viel Energie und Ressourcen – für die einmalige Verwendung ist das kaum verhältnismäßig. Dadurch, dass kein Recycling möglich ist, fehlt zusätzlich die wertvolle Energierückgewinnung.

Fazit: Ist Bio-Plastik eine ökologische Alternative?

Bio-Plastik ist aus ökologischer Sicht nicht vorteilhafter als konventionelles Plastik. Einen echten Unterschied macht es, auf wirklich nachhaltige Alternativen umzusteigen:

  • Biomüll lieber ohne Tüte sammeln und entsorgen.
  • In Bio- oder unverpackt-Läden ohne Plastikhüllen einkaufen.
  • möglichst regional hergestellte Produkte und Materialien kaufen: Kürzere Transportwege sparen zusätzlich CO2 und Energie ein.
  • Bei Plastik, aber auch anderen Materialien gilt: Langlebiges Mehrweg ist gegenüber Einwegprodukten immer die nachhaltigere Wahl.
  • Nachhaltige Versandhändler bieten Mehrweg-Versandverpackungen an, z.B. das B.A.U.M.-Mitglied memo, der ein großes Sortiment an nachhaltigem Bürobedarf führt.
  • Weniger wegwerfen und neu kaufen, mehr weiterverwenden, reparieren und mit anderen teilen.
  • Ungenutzte Dinge nicht wegschmeißen – besser verschenken oder verkaufen.

https://www.spiegel.de/wirtschaft/deutschland-ist-export-europameister-beim-plastikmuell-a-52785ee9-b6dc-4c22-a59b-bcdb48423b32

https://www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/bioplastik-loest-keine-abfallprobleme-duh-fordert-vermeidung-und-mehrwegsysteme-170926/

https://www.umweltbundesamt.de/biobasierte-biologisch-abbaubare-kunststoffe#22-sind-biobasierte-kunststoffe-nachhaltiger-als-konventionelle-kunststoffe

https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/5750/publikationen/210722_fachbrosch_5_bf.pdf

https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2020_abfaelle_im_haushalt_bf.pdf

https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/publikation/long/3834.pdf

https://www.umweltbundesamt.de/daten/ressourcen-abfall/verwertung-entsorgung-ausgewaehlter-abfallarten/kunststoffabfaelle#kunststoffe-produktion-verwendung-und-verwertung

https://www.boell.de/sites/default/files/2022-01/Boell_Plastikatlas%202019%206.Auflage_V01_kommentierbar.pdf?dimension1=ds_plastikatlas#%5B%7B%22num%22%3A431%2C%22gen%22%3A0%7D%2C%7B%22name%22%3A%22FitR%22%7D%2C-376%2C0%2C972%2C842%5D

https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/abfall-und-recycling/26205.html

https://www.nationalgeographic.de/umwelt/2022/01/ab-nach-malaysia-wo-deutscher-plastikmuell-landet

https://www.greenpeace.de/engagieren/nachhaltiger-leben/plastikmuellexporte-deutschland

https://www.euwid-recycling.de/news/maerkte/einzelansicht/Artikel/altkunststoffexporte-2020-mengen-sinken-um-acht-prozent-erloese-um-19-prozent.html

https://utopia.de/ratgeber/bioplastik-biokunststoffe-check/

https://utopia.de/ratgeber/nachhaltige-verpackungen/

https://utopia.de/ratgeber/biologisch-abbaubar-kompostierbar-biobasiert-das-ist-der-unterschied/


Tina Teucher moderiert Veranstaltungen zu Themen rund um Nachhaltigkeit und zukunftsfähiges Wirtschaften. Sie bringt als Nachhaltigkeitsexpertin über 8 Jahre Erfahrung in Themen wie Biodiversität, Megatrends und grüne Innovationen in ihre Arbeit ein. Sie berät Unternehmen und Institutionen bei den wesentlichen Fragen des Wandels: Wie gelingt die Transformation hin zu einer zukunftsfähigen Organisation? Tina Teucher engagiert sich u.a. als Mitglied im Gesamtvorstand B.A.U.M. e.V. und im ThinkTank 30 des Club of Rome.
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