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Serielles Bauen Trifft Nachhaltigkeit

Serielles Bauen trifft Nachhaltigkeit

Heimat, Nachhaltigkeit und Klimaschutz: Ob das „unter einem Dach“ zusammengeht diskutierte Tina Teucher am 8. Oktober 2019 mit Experten in München.

Wie kann Heimatgefühl in den Serienbau gebracht werden? Wie verhindern wir trotz Wohnungsnot eine neue Ära des Plattenbaus? Und wie kann der Bauboom nachhaltig gestaltet werden?

Am 8. Oktober 2019 moderierte Tina Teucher dazu einen vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat organisierten Themenslot auf der ExpoReal in München. Der Titel lautete „Die Wohnraumoffensive des Bundes – Serielles Bauen für Heimat, Klimaschutz und Nachhaltigkeit“.


Was zeichnet Serielles Bauen aus?

  • Serielles Bauen, auch: Industrielles Bauen, kann sowohl für den Wohnungsbau als auch für Kitas, Schulbauten, Studentenwohnheime, Büro- und Industriebauten eingesetzt werden.
  • Vorgefertigte Raumsysteme“ sind industriell hergestellte dreidimensionale Bauprodukte mit einem durchschnittlichen Vorfertigungsgrad von ca. 90%. Diese Bauprodukte können entweder als Standardelemente (Container) oder nach individuellen Anforderungen (Module) hergestellt werden. Bei beiden Ausführungsarten werden die fabrikmäßig vorgefertigten Raumzellen vor Ort, d.h. auf der Baustelle, zu einem Gebäude mit individuellen Grundrissen zusammengeführt. Vorgefertigte Raumsysteme können aus Beton, Holz oder Stahlkonstruktionen bestehen oder alternativ aus einer Kombination dieser Baustoffe (Hybridbauweise).

Ausgangspunkt für die Diskussion war ein Namensartikel, den Innenminister Horst Seehofer in der Welt am Sonntag (19. Mai 2019) veröffentlicht hat. Darin beschreibt er, wie – trotz der drängenden Problematik – möglichst schnell möglichst viel Wohnraum geschaffen werden soll, wobei auch andere Grundsätze wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Heimat nicht vernachlässigt werden dürfen.

Christine Neuhoff, Regierungsdirektorin und Referatsleiterin BW I 5 (Bauingenieurwesen, Nachhaltiges Bauen, Bauforschung) im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, stellte in einem Impulsvortrag die Vorteile der seriellen und modularen Bauweisen in Hinblick auf Heimat, Klimaschutz und Nachhaltigkeit vor.


Die Vorteile der Bauweise auf einen Blick

  • Schnelligkeit durch serielles Bauen und Musterbauverordnungen – verkürzte Bauzeit
  • Optimierung der Baugenehmigungsverfahren, Typenzulassung (systematisierte Bauunterlagen)
  • Ökologische und klimafreundliche Materialien und Bautechniken
  • Hohe Energieeinsparung durch werkseitige Vorfertigung
  • Energieeffiziente Fertigung und Logistik
  • Behinderungsgerechtes Bauen
  • Bauphysik und Brandschutz
  • Verminderung von Schwarzarbeit; Reduzierung der Bauaktivitäten „vor Ort“; Auffangen des Fachkräftemangels
  • Lean Construction (optimierte Prozessabläufe)
  • Bauqualität (Reduzierung von Fehlerquellen)
  • Finanzierungs- und Kostensicherheit
  • Volkswirtschaftliche Vorteile z. B. Terminsicherheit, weniger Umweltbelastung, Verwendung ökologischer Baustoffe, schnellere Realisierung von fehlendem Wohnraum etc.
  • Festpreis

Im anschließenden Podiumsgespräch diskutierten die Teilnehmer neben den Vorteilen auch gängige Vorurteile gegenüber der Modulbauweise, sowie Hemmnisse, die den raschen Ausbau verhindern.

Bauen als Soziale Frage

Für Daniel Barthold vom Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) steht die Soziale Frage der Wohnraumschaffung im Vordergrund. Er plädierte für eine schnellere Baulandaktivierung, denn obwohl die Bauzeiten in der seriellen Produktion wesentlich kürzer sind als in traditionellen Bauweisen, seien die Vorlaufzeiten für geeignete Grundstücke lang. Wie Bundesinnenminister Horst Seehofer sieht auch er die Wohnungspolitik als Teil der „Heimatpolitik“. Insbesondere das serielle Bauen unterläge oft dem Vorurteil, anonym und kalt zu wirken, also das genaue Gegenteil von dem, was die meisten als ‚heimatlich‘ definieren würden. Man müsse der Bevölkerung die Angst vor Vereinheitlichung durch Serienbauten nehmen, denn man könne die Fassaden stets an die örtlichen Begebenheiten anpassen.

Alternativen zum Bauboom

Dipl.-Ing. Andreas Rietz vertrat das Bundesinstitut für Bau- Stadt- und Raumforschung  (BBSR). Als Referatsleiter für nachhaltiges Bauen behielt er einen kritischen Blick auf die vermeintliche Aufgabe des Bundes „Bauen, bauen, bauen“. Es müsse ebenfalls über Suffizienz und Altbausanierung gesprochen werden. Der Aspekt der Nachhaltigkeit stelle eine Reihe von Anforderungen, die vor der Serienproduktion von Wohnungen und Wohnungsmodulen beachtet werden müssen: der energetische Standard, die Materialauswahl oder der Produktlebenszyklus und die damit verbundenen Kosten. Schließlich zahlt der Endverbraucher nicht nur die Miete, sondern auch die Nebenkosten.

Serienbau als kreativer Kahlschlag?

Architektin Prof. Dr. Ing. Heide Schuster sieht viele Vorteile im seriellen Bau – vorausgesetzt man macht nicht die gleichen Fehler wie im DDR-Plattenbau. Die Themen Umwelt, Identität und Kriminalität dürfen nicht noch einmal außer Acht gelassen werden. Vieles spreche für das serielle Bauen: Die kurzen Bauzeiten belasten die Umgebung weniger und Innenstädte lassen sich einfacher verdichten. Auch die Möglichkeit zur präzisen Planung sei nicht zu unterschätzen. Dem Vorurteil, dass der Kreativität der Architekten enge Grenzen gesetzt sind, widerspricht sie, da man mit den einzelnen Bauelementen durchaus einfallsreich sein könne.

Die Rahmenvereinbarung „Serielles und modulares Bauen“ des GdW (Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen) haben das Bundesbauministerium, die Deutsche Bauindustrie und die Bundesarchitektenkammer ins Leben gerufen. Damit wurden über einen europaweiten Wettbewerb 9 Bieter(-gemeinschaften) für serielles und modulares Bauen gefunden. In dem Rahmenvertrag werden Baukosten zwischen 2.000 und 3.000 Euro kalkuliert, wodurch Mieten zwischen 8 und 9 Euro/m², in bestimmten Fällen auch 12 Euro/m² erreicht werden können. Im Januar 2019 entstand im hessischen Idstein (Taunus) der erste Wohnungsbau auf Grundlage der neuen Rahmenvereinbarung für serielles und modulares Bauen. Weitere sollen folgen.

Tina Teucher moderiert regelmäßig Veranstaltungen und Diskussionen zu Themen enkeltauglicher Entwicklung. Als Master of Business Adminstration im Nachhaltigkeitsmanagement kombiniert sie ihre Expertise im Bereich Wirtschaft mit ihrer Leidenschaft und langjährigen Erfahrung in den Bereichen Zukunft, Megatrends und grüne Innovationen. Außerdem ist Tina Teucher als Beraterin von internationalen, sowie KMUs tätig und begleitet Unternehmen auf ihrem Weg zum nachhaltigen Wirtschaften.

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