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Gruppenfoto auf Treppe; Think Tank 30, junger Club of Rome, Text: PER MACRI SIS?

Permacrisis: Sicherheit und Nachhaltigkeit in der Dauerkrise?

Vom 13.-15.10.2023 traf sich der Think Tank 30 der Deutschen Gesellschaft Club of Rome zum Thema „Keine Nachhaltigkeit ohne Sicherheit?“ in München. Einige unserer Einblicke und Erkenntnisse lest ihr hier.


Selten wird die Verbindung zwischen Sicherheit und Nachhaltigkeit diskutiert, doch sie liegt auf der Hand: Einerseits erschwert Unsicherheit die Bemühungen um Nachhaltigkeit, wie z.B. an Deutschlands Rückgriff auf fossile Energiequellen durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine deutlich wird. Andererseits funktioniert Sicherheit nicht ohne Nachhaltigkeit, insbesondere mit einer immer schwerwiegenderen Klimakrise, die wir mittlerweile auch stärker im Globalen Norden spüren.

Inhaltsverzeichnis

Derisking: Ohne Lieferkette kein Shopping

„Eine teilhabende und aufgeklärte Gesellschaft ist das Fundament einer Sicherheitsarchitektur“, machte gleich zu Beginn Raúl Carbajosa Niehoff klar. Er war u.a. tätig für die Münchner Sicherheitskonferenz und das Bundesministerium für Verteidigung (BMV). Gleichzeitig verfolge Deutschland Strategien für die Sicherheit im Außen. So liege etwa ein Fokus im indopazifischen Raum, wo zwei Drittel der Weltbevölkerung und 40% der Weltwirtschaft angesiedelt sind. Strategische Bedeutung habe diese Region vor allem für die Sicherung der Lieferketten: „No shipping, no shopping“. Die Strategie des Derisking setze dabei darauf, Abhängigkeitsrisiken zu minimieren, ohne sich abzukoppeln. Die Konsumgier westlicher Gesellschaften wurde in diesem Zug auch als krisenverstärkend identifiziert.

„Permacrisis“ definiert Raúl als Instabilität in Folge einer Reihe katastrophaler Ereignisse. Daher sei ein Engagement für die gemeinsame Werteordnung von besonderer Bedeutung. Es brauche eine unbürokratische, strategische, integrierte Außenpolitik mit Weitblick, z.B. seien Lagebilder von Nachrichtendiensten interdisziplinär angelegt – für mehr Sicherheitspolitik aus einem Guss.

Den Entscheidungsspielraum von Menschen in Subsahara Afrika zu erhöhen, gehöre dazu genauso wie ein Austausch auf Augenhöhe, mit langfristig angelegten Ausgaben in Bildung und Forschung.

Unter den TT30ern regte der Impuls zum Nachdenken an: Sicherheit – aber wofür eigentlich? Für die Sicherung eines Wohlstandsverständnisses, das auch in Frage zu stellen ist? Produziert „unser“ Wohlstand nicht auch Unsicherheit, gerade in anderen Ländern?

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Kommunale Sicherheit: Verkehrskontrollen lohnen doppelt

„Wer die städtische Sicherheit erhöht, stärkt oft auch die Nachhaltigkeit“, zeigte TT30 Alumna Hanna Sammüller-Gradl in ihrem Impuls. Sie ist seit 1. Juli 2022 Leiterin der Sicherheits- und Ordnungsbehörde in München. Das KVR (Kreisverwaltungsreferat) ist das wichtigste „Ministerium“ der Stadt mit über 4.000 Mitarbeitenden. Unter Hannas Zuständigkeiten fallen u.a. die Sicherung von Events wie die Wiesn (Oktoberfest), Versammlungen, Bußgeldstelle, Ausländerbehörde, Standesamt, KFZ und Führerscheinmeldestelle, Gewerbemeldung und Gewerbeaufsicht, sowie Branddirektion inklusive Rettungszweckverband. Bezüge zwischen Sicherheit und Nachhaltigkeit gibt es zum Beispiel bei der Kontrolle von Verkehrsgeschwindigkeit und Dieselfahrverbot in der Stadt. Diese hat Hanna nach ihrem Amtsantritt digitalisiert, was die Sicherheit erhöht, und die Emissionen reduziert. Für viele Menschen sei Sicherheit ein besseres Argument für Maßnahmen als Nachhaltigkeit, etwa bei der Ahndung von Falschparken auf Fahrradwegen.

Die Klimaerhitzung wirkt sich direkt auf die städtische Arbeit auf. Feuerwehrleute mussten etwa eine neue Kleidungsausstattung bekommen, weil es immer heißer wird und nicht jeder den Sommer in der dicken Kluft aushält. In der Ausländerbehörde melden sich immer mehr Menschen, die ihre Heimat wegen Mangel an Wasser und Nahrungsmitteln in ihren Regionen verlassen mussten. Aber es gibt zum Glück auch immer mehr ehrenamtliches Engagement für den Umgang mit Klimawandelfolgen – beispielsweise um Schäden im Ahrtal zu beseitigen. Hanna hat deshalb eine Koordinationsstelle für Ehrenamtliche mit drei Mitarbeitenden eingerichtet, um Freiwillige gezielt in ein Engagement zu vermitteln.

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Nationale Sicherheitsstrategie: Ein erster Schritt zum strategischen Denken

Die Nationale Sicherheitsstrategie der Bundesregierung wurde im Juni 2023 vorgestellt. Was bedeutet die neue Strategie für Deutschland? Vor allem ein holistisches Verständnis von Sicherheit mit dem Begriff der ‘integrierten Sicherheit’, welche Wehrhaftigkeit, Resilienz und Nachhaltigkeit vereint. In der Diskussion wurden vor allem kritische Themenfelder beleuchtet und diskutiert, altbekanntes aus vorhergehenden Weißbüchern analysiert und ein Versuch unternommen, wie man strategisches Denken in Deutschland neu etablieren kann. Vor allem den Nachhaltigkeitsaspekt diskutierten die Mitglieder des Think Tank 30 sowie geladene Gäste aus dem Militär in dieser Runde.

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Feministische Außen- und Sicherheitspolitik am Beispiel Iran

Seit dem Tod von Jina Mahsa Amini und der feministischen Revolution im Iran ist der Begriff der feministischen Außenpolitik in den Vordergrund der deutschen Debatte gerückt. Deutschland hatte dazu im März 2023 seine Leitlinien vorgestellt. In ihrer Session darüber, was die Revolution im Iran genau ausmacht und wie feministische Außenpolitik dabei die deutsche Politik leiten sollte, diskutierten TT30-Mitglieder Dr. Parichehr Shamsrizi und Julius Nebel folgende Aspekte:

Der Friedensnobelpreis 2023 geht an die Iranerin Narges Mohammadi. Die inhaftierte Menschenrechtsaktivistin erhält ihn im Dezember für ihren Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen im Iran und ihren Kampf für die Förderung der Menschenrechte und der Freiheit für alle.
Unter dem Slogan “Woman Life Freedom” ist die seit mehr als einem Jahr andauernde Revolution im Iran weiter im Gange, auch wenn westliche Medien kaum noch berichten. Die Bevölkerung des Irans bringt für ihren Kampf für Freiheit schwere Opfer: Festnahmen, Vergewaltigungen, Folterungen, Hinrichtungen – darunter viele Kinder. All diese Dinge passieren seit Jahrzehnten im Iran. Das iranische Mullahregime ist nachweislich korrupt, frauen-/menschenrechtsverachtend und brutal; die Strukturen sind weder demokratisch, noch reformierbar. Die überwiegend aus jungen Iraner*innen bestehende Zivilbevölkerung wünscht sich Demokratie, Gleichberechtigung und Freiheit. Sie kämpfen für universelle Menschenrechte und diese betreffen alle.
Gleichzeitig agiert das Regime seit Jahrzehnten auch im Ausland als korrupter Terrorstaat, vor allem in Form der Revolutionsgarde: Morde mitten in Berlin, Cyberspionage, Entführungen deutscher Staatsbürger*innen, antisemitische Anschläge, weltweite Korruption und Terror. Aktuelle Beispiele sind die Lieferung iranischer Drohnen an Russland, die im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt werden, genau wie die Finanzierung und aktive Unterstützung der Hamas und Hisbollah. Das iranische Regime bedeutet nicht nur Terror im eigenen Land, sondern Unsicherheit in der gesamten Region und global. Wie positionieren wir uns dazu und wie sinnvoll ist es, sich in Zukunft weiter auf solch einen Partner zu verlassen?
Deutschland ist immer noch größter europäischer Handelspartner des Irans und finanziert dadurch das Regime mit – ein Regime, das sich nachweislich nicht an internationale Abkommen hält. Festhalten an Verhandlungen und auch an Handel stärkt lediglich die Machthaber – wie am Beispiel des Atomabkommens klar wird. Diese Dinge sind nicht geheim. Sie sind belegt und finden schon lange statt.
Während die EU und Deutschland also das iranische Regime stetig weiter stärken und damit gleichzeitig ihre eigene Sicherheitspolitik gefährden, könnten die Menschen vor Ort, die für ihre Freiheit kämpfen, einen demokratischen Iran selbstständig errichten – sie haben die Ressourcen dafür. Dabei sollte der Westen ihnen beistehen.
Ein demokratischer Iran könnte im Übrigen bei Themen wie Energiesicherheit und Klimapolitik – sowohl in der Region als auch global – einen entscheidenden Durchbruch darstellen. Mit seinen zahlreichen Rohstoffvorkommen wäre solch ein freier Iran ein verlässlicherer Handelspartner als der jetzige. Und wohl bedeutsamer noch: Die Bevölkerung kämpft für die Ermächtigung von Frauen, gegen Ungleichheit und Armut. Das sind Grundvoraussetzungen für eine klimagerechte Gesellschaft und damit für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Diese Zusammenhänge sind wichtig und zeigen die Relevanz der Geschehnisse.
Was bedeutet das nun für den Westen und seine Außenpolitik? Spätestens seit Februar 2022 sollte deutlich sein, dass die Despoten der Welt zusammenarbeiten – von Moskau über Teheran bis hin zur Hamas. Wenn man sich dies bewusst macht, erklärt sich auch, dass eine wahre Unterstützung und Förderung des Friedens nicht möglich ist, solange der Terror aktiv mitfinanziert wird. Der “Wandel durch Handel“ – Gedanke, den die EU und besonders Deutschland schon lange fördert, sollte überdacht werden.
Für den Fall Iran sollte das beispielsweise bedeuten, dass Zahlungen und Handel mit Unternehmen, die offensichtlich vom Mullahregime und der terroristischen Revolutionsgarde – auch hier in Deutschland – geführt werden, restringiert werden sollten.
Des Weiteren sollte die Revolutionsgarde auf die EU-Terrorliste gesetzt werden – dies hätte mehr als nur symbolischen Charakter. Dies würde einen handelspolitischen Bruch mit dem Regime bedeuten, außerdem das Einfrieren von Vermögenswerten und zugleich eine deutliche Positionierung des Westens gegen den Terror. Solch eine Listung ist bereits durch das EU-Parlament gefordert und auch völkerrechtlich geprüft. Es scheinen derzeit allerdings noch die interessengeleitete Politik Deutschlands und der EU der werteorientierten, sicherheitsfördernden und nachhaltigen Politik vorangestellt zu sein. Damit stellt sich erneut die Frage: Wie sinnvoll ist es, sich in Zukunft weiter auf solche Partner zu verlassen?
Zur vergangenen Münchner Sicherheitskonferenz waren im Übrigen keine offiziellen Delegierten des iranischen Regimes geladen – sondern Vertreter*innen der exil-iranischen Oppositionsbewegung. Solche Schritte sind wichtig.
Die Unterstützung der iranischen Revolution und von “Woman Life Freedom” stellt nicht nur eine werteorientierte feministische Außenpolitik in den Vordergrund und dient somit als Katalysator solch einer Politik auch in weiteren Fällen; sie bedeutet gleichzeitig die Unterstützung von Frieden, Sicherheit und Gleichberechtigung weltweit.

Für Quellen zu den Aussagen des Vortrags und bei weiterem Interesse an der Revolution im Iran und was man zur Unterstützung tun kann, ist dieses Interview mit TT30-Mitglied Dr. Parichehr Shamsrizi zu empfehlen:
https://thinktank30.de/woman-life-freedom-die-revolution-im-iran-und-ihre-dimensionen/

Neben diesen Punkten zur Revolution im Iran wurde im Workshop auch über die grundlegenden Konzepte einer feministischen Außen- und Sicherheitspolitik diskutiert. Dafür stellte Julius Nebel die aktuellen Strategien der Bundesregierung für eine feministische Außenpolitik und Entwicklungszusammenarbeit vor. Zentral war dabei der Fokus auf Zivilgesellschaft und menschliche Sicherheit. Die Gruppe diskutierte die Anwendbarkeit auf die Situation im Iran sowie die Bedeutung einer solchen Politik auf globaler und auch individueller Ebene. Der Austausch zu feministischer Außenpolitik wurde am Folgetag durch den Impuls von Leonie Stamm fortgeführt.

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Feministische Außenpolitik: Hin zu „menschlicher Sicherheit“

Das Konzept der Feministischen Außenpolitik basiert auf 3 bzw. 4 Säulen, wie Leonie Stamm, Forscherin bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) erklärte, den sogenannten 3R + P:
1&2) Rechte + gleichberechtigte Repräsentanz von Frauen und Mädchen sicherstellen
3) Ressourcen dafür bereitstellen, um sie zu verwirklichen
4) Power: bestehende patriarchale Machtverhältnisse analysieren und daran arbeiten sie zu überwinden

Dieses Konzept sei lange von Wissenschaft und Zivilgesellschaft geprägt und zu wenig Policy-orientiert gewesen. Ein zentraler Akteur sei hier das Centre for Feminist Foreign Policy, welches seit knapp fünf Jahren darauf hinarbeite, das Thema in Deutschland und darüber hinaus im politischen Diskurs zu verankern. Dennoch war die Überraschung relativ groß, als das Konzept im Koalitionsvertrag der Ampel-Koalition erschien.
Während CDU-Chef Friedrich Merz das Konzept mit „Alles Gedöns“ abtat, weil nicht anschlussfähig in Zeiten von militärischen und multiplen Krisen, habe es seit der Irankrise wieder Aufschwung in der Diskussion erfahren. Die Praxis der Bundesregierung unterscheide sich allerdings teils stark vom Konzept. Eine wesentliche Gemeinsamkeit sei, dass man „wegkomme vom traditionellen Sicherheitsbegriff, der stark staatenbezogen ist, hin zu individueller „menschlicher Sicherheit“. Dabei ginge es darum, die unterschiedliche Vulnerabilität der Menschen einzubeziehen und marginalisierte Gruppen zu stärken. Intersektionalität ist dabei ein zentrales Konzept. Politische Arbeit sollte daher also auch in der Außenpolitik keinem Top-Down-Ansatz folgen, sondern die zivilgesellschaftlichen Perspektiven als erstes einholen und ihnen eine Bühne geben, damit ihre Stimme gehört wird. Feministische Außenpolitik habe den Anspruch, die Zivilgesellschaft als Frühwarnsystem für Krisen ernst zu nehmen und Krisen in ihrer Komplexität anzunehmen – wie etwa das Thema Ernährungssicherheit.

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Klimawandel in der Sahelzone: Wo Sicherheit und Nachhaltigkeit weggeputscht scheinen

Die Bevölkerung in der Sahel-Zone erlebt in den letzten Jahren starke Veränderungen. Das wurde in der Session, die TT30-Mitglied Martha Vogel organisierte deutlich, in der verschiedene internationale Expert*innen zugeschaltet waren.

Die Wirtschaft der Sahel-Region ist stark von wandernden Pastoralisten und sesshaften Bauern geprägt. Etwa 20 der mehr als 100 Millionen Menschen in der Sahel-Zone leben nomadisch mit ihren Familien und Herden.

Das Leben der Pastoralisten organisiert sich saisonal um die jährliche Regenzeit. Forscher*innen prognostizieren einen starken Temperaturanstieg, der zwar die Niederschlagsmenge erhöht, aber die Monsunzeit verzögert und mit mehr Extremniederschlägen, Überschwemmungen aber auch Trockenperioden in der Regenzeit einhergeht. Dies hat einen starken Einfluss auf die saisonale Migration und Routen der nomadischen Pastoralisten, die von der Verfügbarkeit von Futter für die Herden abhängig sind, als auch auf die Bauern, deren Ernte zerstört werden können, wenn in der Regenzeit Überschwemmungen und trockene Tage auftreten und Herden über die Felder ziehen.

Migration über Landesgrenzen hinweg gehört zum täglichen Leben der Pastoralisten und dank der Personenfreizügigkeit in der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft
(ECOWAS) konnten die Pastoralisten traditionell leicht über die in der Kolonialzeit gezogenen Grenzen hinweg wandern. Die zunehmende Instabilität in der Region schränkt jedoch die Bewegungsfreiheit ein. Zum einen sind terroristische Gruppen in der Sahelzone aktiv und dschihadistische Gewalt macht Mobilität gefährlich und unsicher.
Die Staaten der Region sind mehr oder weniger instabil und die fehlende Kontrolle des Staatsgebiets bietet den dschihadistischen Gruppen Raum. Seit 2019 gab es zahlreiche Militärputsche, u.a. in Mali, Burkina Faso, Tschad, Sudan (2x), Guinea und nun auch Niger (2023). Diese haben die ECOWAS-Gemeinschaft gespalten und geschwächt. Außerdem investiert die EU in Migrationskontrolle und verschiebt zur Verhinderung illegaler Migration die Außengrenzen nach Sub-Sahara Afrika. Das belastet die Menschen zusätzlich mit verschärften Grenzkontrollen.

Dschihadistische Gruppen nutzen die instabile Situation durch die Putsche, um immer mehr junge Menschen zu rekrutieren. „Der Klimawandel wirkt wie ein Katalysator auf die Herausforderungen, Konflikte und Verwundbarkeit unserer Region“, machte Seydou Kante deutlich. Er arbeitet im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten und Senegalesen im Ausland in Dakar und ist Autor des Buchs „The geopolitics of Sahel“. Es brauche eine verantwortungsbewusste Regierungsführung und Bekämpfung der Korruption, sowie klimaresiliente Landwirtschaft, Zugang zu Wasser und Energie.

Grüne Entwicklungsprojekte wie Afrikas grüne Mauer im Sahel (Great Green Wall) bräuchten langfristige Verantwortungsübernahme, betonte die Afrikawissenschaftlerin Odile Woni aus Burkina Faso, die Mitglied von Afrique-Europe-Interact ist und in Berlin lebt und arbeitet. Das 15 Kilometer breite und 7775 km lange Begrünungsprojekt erstreckt sich wie ein Gürtel um die Sahel-Zone Afrikas. Aufforstung sei wichtig für Ressourcen wie Feuerholz, gleichzeitig brauche es Umsetzungskontrolle und klare Verantwortlichkeiten, wer langfristig die Pflege der gepflanzten Bäume übernehme. Die Einzäunung zum Schutz der Jungpflanzen könne zudem Konflikte mit den Pastoralisten und ihren Herden auslösen.

Zwar hat Deutschland für die sogenannte Fluchtursachenbekämpfung den Blick nach Afrika gerichtet, doch seine „Africa policy guidelines“ stecken in internen Verhandlungen fest, machte Grit Lenz, Koordinatorin von Fokus Sahel (Berlin) deutlich. Deutschland wolle sich entwicklungspolitisch kooperativ mit Frankreich zeigen, das aber als ehemaliger Kolonialherrscher keinen guten Ruf in der Sahelzone genieße. Die Strategie Deutschlands, Mauretanien und Niger als “Stabilitätsanker” in der Region zu stärken, sei mit dem Putsch im Niger 2023 hinfällig geworden. Die EU-Sanktionen treffen die Zivilbevölkerung im Land hart. Der Fokus Europas verlagere sich nun auf den politisch relativ stabilen Tschad, der allerdings für schwere interne Menschenrechtsverletzungen bekannt sei.
Die 3 Säulen der EU Strategie in der Sahel-Zone seien:
1) Stärkung von Gesetzen, Terrorismusbekämpfung
2) Prävention irregulärer Migration nach Europa
3) Entwicklungszusammenarbeit

Die Dekolonialisierung der Entwicklungszusammenarbeit müsse im Zentrum der europäischen Bemühungen stehen, waren sich die Impulsgeber*innen einig. Weil in vielen Ländern der Sahel-Zone die Macht der (Militär-)Regierung und der Wirtschaft sehr stark sei, in Deutschland aber die Zivilbevölkerung ebenfalls Einfluss genieße, solle die Stimme der Deutschen Zivilgesellschaft ihre Stimme auch für die Menschen in der Sahel-Zone erheben und von der Regierung gehört werden.

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Resilienz: Puffer gewünscht!

„Resilienz bildet sich durch Vorbereitung auf einen Schock, zum Beispiel durch informelle Netzwerke, die dann greifen können“, erklärte TT30-Mitglied Jonathan Barth. Dabei setze Resilienz auf Puffer und Lagerhaltung. Dies stehe im Kontrast zur im kapitalistischen Wirtschaftssystem dominierenden Effizienz, aus deren Blickwinkel eine nicht direkt nötige Lagerhaltung kurzfristig zu teuer erscheine.

Zwar lassen sich unvorhergesehene Ereignisse nicht vermeiden – aber unvorhergesehene Auswirkungen (Impacts) daraus lassen sich besser vermeiden. Dafür arbeiten Klimaforscher*innen und andere Akteure an entsprechenden Ansätzen.

graphic about risk assessment and resilience assessment

Bild-Quelle: ZOE Institute for Future-fit Economies (2022): A framework for economic resilience: guiding economic policy through a social-ecological transition
https://zoe-institut.de/en/publication/economic-resilience-framework/

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Resilienz aus militärischer Perspektive

Resilienz ist die Fähigkeit der Gesellschaft, externe Störungen zu denken, darauf vorzubereiten, zu erkennen, abzuwehren und zu verkraften.“ Diese Definition gab Michael Tschumi, Panzeroffizier der Schweizer Armee, in seinem Impuls für den TT30. Bestenfalls könne man daraus sogar gestärkt hervorgehen: Durch Lernfähigkeit, Kurskorrekturen und kritisches Denken.

Was die Deutsche Bundesregierung seit Jahrzehnten versäumt habe, stellte Michael lebhaft dar: Eine „Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz“ habe sowohl die Pandemie, als auch das Hochwasser antizipiert, jedoch habe der Bundestag weder ein Pandemiegesetz vorbereitet noch den Abbau der Mittel im Katastrophenschutz gestoppt.

Kriege werden längst nicht mehr nur auf klassischen Schlachtfeldern ausgetragen. Michael stellte 7 militärische Operationsräume vor: Boden, Luft, Weltraum, maritimer Raum, Cyberraum, Elektromagnetischer Raum und Informationsraum. Auch und vor allem in letzterem werde der Ukraine-Krieg entschieden. Die Angst des Westens vor Atomkrieg, militärischer Eskalation und Wirtschaftskrise werde von Russland strategisch gefördert. Ziel solcher „unfreundlichen Akteure“ sei nicht nur die militärische, außenpolitische und wirtschaftliche Neutralisation. Vor allem gehe es um die Schwächung der Institutionen und die Schwächung der inneren Sicherheit durch Spaltung der Gesellschaft, wofür Russland u.a. ganze Trollfarmen in Social Media unterhält. Damit lassen sich bestehende interne und externe Konflikte verstärken, Akteure beeinflussen und die europäische Ordnung schwächen. Es gelte daher die Resilienz zu fördern: „Ein Grundschutz durch Bedrohungsbewusstsein aus einer Position der inneren Stärke und Schutzwilligkeit.“

Viele Gedanken und Reflexionen entstanden bei den Teilnehmenden des ThinkTank30 durch all diese Impulse. Das Nachhaltigkeitsziel der Vereinten Nationen zur Stärkung von Institutionen für den Frieden (SDG 16) scheint in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland noch wenig beleuchtet zu sein. Wie können Institutionen stark sein, wenn sie sich in die nötige Transformation für Nachhaltigkeit begeben? Wo bietet ihr Wandelprozess eine Angriffsfläche? Wo entstehen dabei aber auch Chancen für neue und indigene Ansätze?

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Werksführung bei ARRI

Die Tagung fand in den Räumen des traditionsreichen Filmtechnik-Unternehmens ARRI in München statt. Think Tank 30 Mitglied Raphael Kiesel, der dort als Senior Vice President für Qualitätsmanagement tätig ist, gab eine spannende Führung durch ARRIs Firmengeschichte mit ihren zahlreichen Auszeichnungen (u.a. mehrere Oscars). Zudem hat er die Produktionsstätte in München vorgestellt. Diese ist mit ihrem ausgeprägten Manufaktur-Charakter, ihren auf Langlebigkeit und Qualität ausgerichteten Produkten, einer hohen innerbetrieblichen Ressourcenwiederverwertungsrate und zahlreichen Ausbildungsplätzen ein Beispiel für Nachhaltigkeit im produzierenden Gewerbe.

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10 Jahre FindingSustainia

Ein besonderes Jubiläum feierten Santa Meyer-Nandi und Anna Katharina Meyer. Vor 10 Jahren hatten sie sich bei einer TT30-Tagung kennengelernt und entwickelten daraufhin die Idee zu FindingSustainia – einem Dialog zu nachhaltigem Lebensstil, der u.a. als bester Nachhaltigkeitsblog Deutschlands ausgezeichnet wurde. Heute gehen die beiden einen Schritt weiter und möchten diejenigen stärken, die Verantwortung in Transformationsprozessen übernehmen. Sie bieten verschiedene Formate an, um Gestalter des Wandels zu stärken.

Du willst Dich als Gestalter*in des Wandels weiterentwickeln und Dich um Resilienz ebenso wie um die Erweiterung Deines Wirkens kümmern, dann folge FindingSustainia auf LinkedIn oder melde Dich direkt bei Anna oder Santa. Die ersten Gruppenangebote beginnen Ende 2023.

Gruppenfoto bei Think Tank 30 Herbsttagung zum Thema Sicherheit und Nachhaltigkeit

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Mitmachen beim ThinkTank30 – dem jungen Club of Rome

Du willst Dich für die nächste Runde im Think Tank 30 bewerben? Ende 2023 läuft die Bewerbungsphase an. Die Denkfabrik junger Menschen um die 30 will sich noch diverser aufstellen und sucht gezielt nach Profilen, die noch nicht unter den bisherigen Mitgliedern vertreten sind. Schau Dir gern einmal unter https://thinktank30.de/#mitglieder an, wer schon dabei ist und ob Dein Hintergrund und Deine Interessenschwerpunkte die Runde bereichern könnten.

Bericht: Tina Teucher
Mitarbeit: Anna-Katharina Meyer, Julius Nebel, Martha Vogel, Raphael Kiesel, Santa Meyer-Nandi, Stefan Raul

Die im Beitrag wiedergegebenen Standpunkte spiegeln nicht unbedingt die Meinung aller ThinkTank30-Mitglieder wieder.


Tina Teucher ist aktives Mitglied des Think Tank 30 – dem jungen Club of Rome. Dort trifft die Expertin für nachhaltiges Wirtschaften andere Akteur:innen aus der Welt der Nachhaltigkeit. Tina Teucher ist Keynote Speakerin und Beraterin für Sustainable Business und Unternehmenstransformation.


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